radikaler taubenschiss

die neue, autofreie siedlung ist ätzend. diese geleckten, rechteckigen, gleichförmigen häuser. null individualität. sogar die markisen müssen alle gleich sein. wer will denn so wohnen? ist doch viel schöner in meinem altbau. denkste. meine freundin lacht dann nur und erwähnt, dass sie nicht heizen muss, weil energieeffizienz und was weiß ich noch. schach-matt. finger in der wunde. und jetzt?

wir bekommen beigebracht kompromissbereit zu sein. nur dann bist du fähig in einer gemeinschaft zu leben. ich habe den eindruck, es wird je nach situation und ziel mal so, mal so ausgelegt – wie es grade passt. grade passt? wem eigentlich? ich schätze denen, die befürchten ihre machtstellung zu verlieren oder teilen zu müssen. oder schlichtweg nicht recht zu haben (so wie ich).

klar, ich bin totaler fan von altbauwohnungen. die sind mir viel lieber als die künstlichen neubauten in einer neubausiedlung, die nicht gewachsen ist sondern in eine gewachsene struktur eingesetzt wurde. aber ja, manchmal ist es eben doch eine gute idee altes abzureißen, um neues aufzubauen. weil der altbau so viel energie kostet die wir nicht endlos haben und eine renovierung meist nur bedingt möglich ist. schön ist das nicht, sinn macht es aber vielleicht schon.

natürlich verliert man einige auf dem weg dahin. das bringt das radikale mit sich. man kann es eben nicht allen recht machen. nicht von allen geliebt werden. womöglich ist dies auch garnicht sinn der sache. was der sinn ist? laut zu sein. mit dem nackten finger auf etwas zeigen. schamlos. provokant. damit die anderen sich empören und anfangen zu diskutieren. sich aufregen und sich überhaupt etwas in ihnen regt. dass dabei ein paar leute auf der strecke bleiben ist sicherlich der fall. wenn wir immer lieb und freundlich den heißen brei bereden, kann es aber auch sein, dass nicht wirklich viel passiert – außer dass wir eben darüber gesprochen haben.

es gibt vorbilder die ich erwähne, um klar zu machen worum es mir eigentlich geht. es geht um unsere freiheit. und die tatsache, dass radikales vorgehen manchmal der richtige weg sein kann. als alice schwarzer in den siebzigern gegen häusliche gewalt gekämpft hat. oder die grünen-politikerin petra kelly in den achtzigern forderte vergewaltigung in der ehe solle unter strafe gestellt werden. da fanden damals nicht wenige, das würde zu weit gehen. die seien durchgeknallt. im nachhinein handelte es sich dabei schlicht um eine avantgarde.

es reicht eben nicht die fassade zu dämmen, wenn die leute drinnen immer noch wie verrückt bei geöffnetem fenster heizen. manchmal, so heißt es schön, muss man die menschen zu ihrem glück zwingen. im idealfall verstehen sie und wollen verstehen. bei manchen kommt man jedoch mit diesem vorgehen nicht weiter. und, da bin ich ganz ehrlich, kann eine prise radikalität und provokation nicht schaden. es ist wie immer: die mischung macht´s.

der alte baum, der nicht verpflanzt werden will, macht es sich in seiner komfortzone bequem und beharrt auf seinem standpunkt. mit dem richtigen spatenstich kann er aber wohl unbeschadet umgesetzt werden oder – ordentlich gestutzt. hat der frisör mir auch so erklärt: wenn wir die spitzen schneiden, wachsen die haare besser. könnte auch ein marketingtrick sein. wer weiß.

das radikale ist zugegeben ein wenig unbequem. aber manchen leuten muss man halt richtig in den arsch treten, damit sie sich aus ihrer komfortzone raus bewegen. da hilft das gute zureden nicht viel, also, eine prise radikalität kann die kirsche auf dem sahnehäubchen sein. oder eben die taube auf dem dach.