virus vs identität

während ein schreiberling der „zeit“ davon berichtet, viele kinder würden relativ häufig mit ihrem geschlecht hadern, bringt es das evangelische magazin als beilage in der selben zeitung deutlich besser auf den punkt: transidentität ist keine krankheit, sondern eine variante.

transgenderwahn!?

ich bin froh, dass ich beide artikel vorfinde. nachdem ich den artikel „zwischen kopf und körper“ (zeit wissen, 22. november 2018) gelesen habe, bin ich erst mal geschockt. schreibt martin spiewak hier wirklich ernsthaft von einem trend, von transgenderwahn? meint er tatsächlich, es handle sich um geschlechtsatypisches verhalten, welches sich bei den meisten wieder legt. nachdem die meisten dann schlussendlich doch noch einen sinneswandel erleben? ist es wirklich berechtigt, von einem eingeredeten phänomen zu sprechen, wenn fünf jugendliche im selben alter und aus dem selben ort ihre geschlechtliche identität hinterfragen?

identitätsinfektion

ja, die zahl der tansidenten jugendlichen, die entsprechende behandlungseinrichtungen aufsuchen, ist stark gestiegen. aber nicht aus langeweile und dem bedürfniss heraus etwas besonderes zu sein. auch nicht, weil sie sich beim ungeschützten surfen im internet infiziert haben. transidente menschen waren schon immer da. sie erfahren jetzt endlich, dass sie nicht alleine sind. sie werden zunehmend wahrgenommen und akzeptiert. sie erleben vorbilder und gleichgesinnte und werden so befähigt, ihrer eigenen identität ausdruck zu verleihen. sich sichtbar und hörbar zu offenbaren.

der psychiater bernd meyenburg berichtet von einem brief eines älteren menschen, der sich wünschte, er hätte auch diese möglichkeiten gehabt. er ist am ende leuchtturmwärter geworden, nur dort in der einsamkeit traut er sich, als frau zu leben.

we ain’t broken – so stop trying to fix us! virginia prince

grundgesetzlichkeiten

die scheinbare pubertätskrise der betroffenen jugendlichen – längst sind es aber nicht nur jugendliche, die sich als transident begreifen – wird aber in dem moment, wo sie als solche bezeichnet wird, nicht ernst genommen. als handle es sich um eine kurzzeitige verwirrung. ausgelöst durch unkontrollierte hormonschübe und alltägliche, psychische probleme, durch die man sich in der pubertät eben durchbeissen muss. da mussten wir ja alle schon durch. das ist völlig normal. und dass es dir in der zeit total mies geht und du dich am liebsten in luft auflösen möchtest ist auch nur eine völlig normale begleiterscheinung. millionen anderer ergeht es genauso. stell dich nicht so an. davon ist noch niemand gestorben.

denkste. transidentität ist keine krankheit. aber es kann krank machen, im empfundenen geschlecht nicht leben zu können. nicht man selbst sein zu dürfen. davon wird man nicht nur depressiv. deshalb bringen sich menschen auch um. und wenn das grundgesetz davon spricht, dass jeder das recht auf persönliche entfaltung hat und ein recht auf leben und körperliche unversehrtheit, sollte dies in unserer gesellschaft auch gegeben sein.

geschlechtervielfalt

das thema rund um transidentität spaltet. meinungen treffen aufeinander, die geprägt sind vom eigenen erwachsen-werden. von erlebten einschränkungen und freiheiten. durchwoben von normativen vorstellungen, die ihre zeit überlebt haben. wenn da ein kind aber sagt:“Ich will kein junge sein, ich bin einer“, dann ist das wohl kaum eine laune der natur, sondern vielmehr eine von zahlreichen varianten. diversität bedeutet auch, dass man sich selbst (er)finden darf, ohne in eine der zwei schubladen zu passen, die von vielen noch als das non-plus-ultra angesehen werden.

geschlechtlichkeit bildet sich schon vor der geburt aus. organe, das nervensystem, hormone und gene, sie und bestimmt noch vieles mehr sind an dem komplizierten vorgang beteiligt, der weit über die geschlechtschromosomen X und Y hinaus geht.

show me yours – i show you mine

vielfalt heisst auch toleranz. den oder die andere annehmen wie sie oder er ist. das potenzial seines mitmenschen wahrnehmen, anstatt nur das geschlecht zu bewerten. über geschlechtervarianten zu informieren infiziert nicht, sondern klärt über möglichkeiten auf und bietet eine orientierung für alle, innerhalb derer man sich selbst finden kann.

es gibt mädchen mit besonders breit gefächerten interessen und verhaltensweisen. ebenso gibt es jungs, die sich mit ihrer geschlechterrolle unwohl fühlen. andere sind überaus glücklich mit ihrem geschlecht und ihrer sozialen rolle.

was aber allen hilft: wenn wir diese rollen weniger scharf trennen und ein mehr möglich machen. um vorbilder sichtbar zu machen und potenziale zu entfalten.

und ganz ehrlich. wenn sogar die evangelische kirche die zeichen der zeit lesen kann und sich den themen, welche unsere gesellschaft offenbar beschäftigen, öffnet – dann schaffen wir das alle. sogar die katholiken möchte ich wetten!

 

*am rande

transgender/transident ist der überbegriff für menschen, die sich kaum oder garnicht mit ihrem biologischen geschlecht identifizieren. menschen, die die geschlechtergrenzen überschreiten. und nicht alle transgender wollen ihr biologisches geschlecht ändern lassen (siehe zitat von virginia prince).

transsexuelle menschen sind eine art gruppierung innerhalb der transgender. ihnen ist eine hormonelle oder chirurgische behandlung zur anpassung des geschlechts oft sehr wichtig.

als transfrau wird zum beispiel ein mann bezeichnet, der sich als frau identifiziert. ein transmann ist eine frau, die sich als mann identifiziert. beides völlig ungeachtet dessen, ob die person sich hat operieren lassen oder nicht. (selbstverständlich können auch frauen eier haben, sag ich doch!)

 

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