fakten-fake

warum kinder nicht lügen. warum erwachsene lügen. warum barbie lügt und warum wir alle uns belügen lassen. was wissenschaft mit wahrheit zu tun hat. und warum wissen tatsächlich macht ist.

kinder lügen nicht

es heißt kinder würden bis zu einem gewissen alter, ich glaube mich zu erinnern es seien sechs jahre, nicht lügen. und zwar nicht, weil sie es ansich nicht täten. sondern, weil es für sie keine lüge oder unwahrheit gibt. alles was sie dir erzählen, und sei es noch so absurd, ist voll gelebte und empfundene wahrheit.

diese wahrheit ist eine mischung aus wünschen, träumen, vorstellungen und überzeugungen. sie sprechen einfach aus, was sie als ihre wahrheit erleben. und diese wahrheit trennt nicht das „was ich will“ von dem „was ist“. weil sie nicht in die zukunft blicken und planerisch handeln, sondern im hier und jetzt leben, voll und ganz.

das „ich will sein“ und das „ich bin“ verschmelzen. was für uns klar trennbar wunschdenken und realität ist, und damit lüge und wahrheit, ist für sie eine realität.

diese art wahrheit selbst zu schaffen und in ihr zu leben ist beneidenswert. jede*r der sich darüber lustig macht, wird dies aus neid tun. aus verzweiflung darüber, diese freiheit verloren zu haben. und jede*r erwachsene, der es wagt sich diese freiheit zurück zu holen, nimmt in kauf einen knall zu haben.

wir sind schon ziemlich gut darin, uns selbst zu limitieren, das muss man schon sagen…

erwachsene lügen

wer professor ist sagt die wahrheit. wer einen doktor hat auch. wer älter ist, weiß tendenziell auch besser bescheid als du. das feld derer, die anspruch auf wahrheit erheben, ist klar abgesteckt und fein säuberlich mit stacheldraht und elektrozaun gesichert. keine blöde kuh kommt drauf. deine mentalen misthaufen kannst du gern woanders platzieren.

im laufe des erwachsen werdens – welches sich zeitlich nicht so genau fassen lässt, weil die frage noch nicht geklärt ist, wann man denn tatsächlich erwachsen ist –  lernen wir wahrheit als etwas kennen, das sich beweisen lässt. das sich messen und wiegen lässt. die wahrheit steht in unseren schulbüchern, wird uns von den älteren und gelehrten erzählt und mithilfe von studien und analysen unter die nase gerieben.

der anspruch auf die eigene wahrheit verfällt. es gibt plötzlich nur noch eine wahrheit. und woher diese kommt, wer diese bestimmt und ob wir ihr vertrauen sollen, bleibt im verborgenen der machtstrukturen un-sichtbar.

barbie lügt

wissenschaft ist eins dieser mächtigen instrumente. sie kann gesellschaftliche ungleichheiten naturalisieren, indem sie zahlen als fakten verbreitet, die eine vermeintlich nachgewiesene wahrheit darstellen. die wir gerne glauben. schliesslich haben wir gelernt, auf diese legitimation von wahrheit durch wissenschaftliche nachweise zu vertrauen.

londa schiebinger veranschaulicht in ihrem aufsatz „skeletons in the closet“, wie angebliche wahrheiten dazu dienen können, gesellschaftliche ungleichheiten festzutreten und zu legitimieren. sie zeigt auf, wie über anatomische zeichnungen aus dem 18. jahrhundert zum ersten mal die idee aufkam, skelette von frauen und männern würden sich maßgeblich unterscheiden.

die zeichnungen des deutschen anatomen samuel thomas von soemmering waren, bei betrachtung mit dem heutigen wissen, relativ korrekt. setzten sich jedoch nicht durch. aber jene der französischen gelehrten marie-geneviève-charlotte thiroux d´arconville: der kopf absurd klein, brustkorb und schultern zu schmal und das becken zu breit, wurde die nicht realitätsgetreue darstellung des weiblichen skeletts wissenschaftlicher konsens. über anatomischen atlanten fand diese wahrheit ihren weg in die welt und in unsere köpfe: voilá, barbie war geboren.

wir lassen lügen

die soziale rollenverteilung wurde mit dieser biologischen basis auf natürliche weise legitimiert. jene, die entschieden haben d´arconvilles vermeintliche erkenntnisse anzuerkennen, haben ihre macht dazu genutzt, wahrheit zu machen. und jene, die diese erkenntnisse nicht in frage stellen wollten, haben diese wahrheit zu ihrer wahrheit werden lassen.

in wahrheit aber gibt es nicht die eine wahrheit. in wahrheit ist sie komplex und korrespondiert mit dem jeweils vorhandenen wissen. wahrheit ist geprägt von perspektivenvielfalt. und die betrachtung von wahrheit unter diesem gesichtspunkt bewahrt uns vor dogmatisierung. grundlegende, normative lehren, können nur unsere wahrheit sein oder werden, wenn wir diese normen akzeptieren und nicht in frage stellen.

wenn sich aber normen verändern können, weil sie so beweglich sind wie unser geist, dann können sich wahrheiten ebenso verändern. wir können wahrheit verändern:

die art und weise wie wir über die welt in der wir leben denken, unsere haltung gegenüber dem gesellschaftlichen zusammenleben und unser vermögen normen zu hinterfragen, ermöglicht uns wahrheit zu erschaffen, in deren wirklichkeit wir leben wollen.

 

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