back to the gender

es ist sommer. heiß. und in dem fall gibt es nichts besseres als zum bodensee zu fahren. jeden tag baden. sich abkühlen in der inzwischen großen badewanne, denn bei 26 grad wassertemperatur kann von kühle nicht die rede sein.

was der besuch der alten heimat auch immer mit sich bringt: begegnungen mit der vergangenheit. jener art von vergangenheit, die eigentlich gegenwart ist. naja. ich meine zum beispiel die alten freunde von damals. obwohl reale menschen und keine reinen zeichen, sind sie doch symbole für die zeit von damals. für die vorstellungen und wünsche die wir gemeinsam hatten. ideale und werte für die wir eingestanden sind. die sich teilweise aufgelöst haben, in lebensweisen wie wir sie jetzt für richtig halten. oder in die wir irgendwie hineingeraten sind.

und so treffen wir uns.

jahrzehnte später und alles ist anders und doch so wie immer. die anderen sind dieselben, aber ich schaue sie anders an. oder ich schaue so wie eh und jeh, nur die andren haben sich schlichtweg verändert. wie immer liegt die wahrheit in der mitte. alles und jeder hat sich verändert. weil das der normale lauf der dinge ist, außer es wäre eine plötzliche eiszeit über uns hereingebrochen und hätte uns zur immobilität gezwungen. unsere gehirne ebenfalls eingefroren und daran gehindert unser umfeld wahrzunehmen und irgendwas zu verarbeiten. ist aber nicht passiert. und so können wir beisammen sein und unsere aktuellen ansichten und wünsche austauschen. zuhören und staunen und erkennen worin wir uns immer noch einig sind oder, wo sich womöglich lücken des gegenseitigen verständnisses auftun.

da erzähl ich also von meiner schreiberei. meiner auseinandersetzung. meinen plänen, gesellschaft mitzugestalten. in welcher hinsicht? naja, alles in bezug auf gender.

achja, dieses gender-ding, sag mal, was ist das denn eigentlich genau?

gute frage. und eine gute gelegenheit es mal prägnant auf den punkt zu bringen, ohne den theoretischen vorbau, so dass mein gegenüber dennoch die chance hat zu verstehen, was ich erklären möchte. denn ein – gender, das ist das soziale geschlecht, und die damit verbundenen geschlechterrollen die uns von der gesellschaft zugewiesen werden – ist zwar eine korrekte begriffserklärung, aber nicht unbedingt nachvollziehbar für jemanden, der sich noch garnicht mit der materie befasst hat.

stopp.

das ist ja per se schon quatsch. denn jede*r befasst sich mit dem thema gender. weil jede*r da mitten drin steckt, gewollt oder ungewollt. aber das bewusstsein für die thematik und warum sich so viele menschen derart intensiv damit auseinandersetzen, ist noch nicht geschaffen. nicht verstanden. und verstehen ist wichtig um verständnis zu ermöglichen.

also, was ist denn nun mit diesem wort gender überhaupt gemeint und warum brauchen wir dafür so ein neues wort?

neu ist das wort grundsätzlich nicht. 1955 wurde es vom us-amerikanischen psychologen john money eingeführt. man könnte es also höchstens als neu-modisch bezeichnen, weil es grade in aller munde ist. und das widerrum ist meiner ansicht nach ein ziemlich guter umstand. also, dass wir darüber reden. dass wir worte finden für die themen die uns wichtig sind. dass wir uns gedanken über die dinge machen, die unser leben strukturieren und manchmal sogar regelrecht diktieren.

und genau hier lässt sich auch das warum gut kombiniert mit dem was erklären.

nicht erst seit heute machen sich einige menschen gedanken darüber, wie geschlecht definiert wird. wie es vielleicht sogar entsteht oder gemacht wird. und was damit zusammenhängt, also die sogenannten geschlechterrollen die bestimmten geschlechtern zugewiesen werden. und was das dann für auswirkungen auf unsere geschlechtsidentität hat.

also: bist du nun einfach eine frau, weil du zwei brüste und eine vulva hast? musst du deshalb dann bestimmte gesellschaftliche erwartungen erfüllen? oder bist du ein mensch, der mit zwei brüste und einer vulva ausgestattet ist, dem offen steht seinen lebensweg einzuschlagen wie er*sie möchte und der sich aufgrund seiner sonstigen konstitution und psyche weder als mann noch als frau definiert sehen muss?

ja genau, das kann man schon mal feststellen, es wird komplexer.

aber nicht weil das gender-ding ansich komplex ist, sonder weil wir menschen komplexer sind als dieses zweier-ding mann/frau.

wenn nun gender das sozial konsturierte geschlecht ist – also das geschlecht, das von der gesellschaft gemacht wird, durch konkrete zuweisungen – wie entsteht das dann? und was ist daran so schlimm?

wenn zum beispiel die ärztin bei der geburt feststellt – lediglich aufgrund äußerer geschlechtsmerkmale – es ist ein junge, dieser vermeintliche junge sich aber auf dem spektrum der geschlechter eher einem mädchen oder einer frau zuschreiben würde, wäre sein schicksal durch das urteil der ärztin und den darauf folgenden geschlechtszuschreibungen erst einmal besiegelt. millionenfach passiert. millionen von menschen, die unglücklich, depressiv und suizidgefährdet ihr schicksal hinnehmen. millionen von potenzialen die ausgebremst werden und deren vielfalt uns vorenthalten bleibt.

und was bringt dann dieses gender-ding? kann es überhaupt irgendwas verbessern?

davon ausgehend, dass das soziale geschlecht konstruiert ist, kann dieses folglich auch um-konstuiert werden. nur weil jahrhunderte lang (weiß der geier wie lang wir dieses binäre denken schon durchziehen) die struktur mann/frau, mond/sonne, schwarz/weiß etc. durchgezogen wurde, heisst das nicht, dass wir das nicht anpassen können. damit ist nicht nur gemeint, dass etwa ein drittes geschlecht in unserem gesetz verankert wird. damit ist vielmehr gemeint, dass wir unsere gesamte struktur bezüglich der geschlechterfrage de- und rekonstruieren. ziel der rekonstruktion ist es nicht die begriffe „mann“ und „frau“ zu verwerfen oder ihre wertungen gar umzukehren. es geht darum das gesamte begriffliche system zu verschieben (zu shiften), innerhalb dessen hierarchien, ausschlüsse und machtverhältnisse festgeschrieben sind.

das gender-ding ist also ein gender-shift?

genau. und das heisst, es geht um ein mehr an freiheit. für alle. freiheit sich zu entfalten. tolerant zu sein für die freiheit anderer. sich von machtstrukturen frei zu machen. und weil sprache dabei eine so wichtige rolle spielt, braucht es manchmal tatsächlich neue wörter, um dem ausdruck zu verleihen, was wir denken und wo wir hin wollen.

ich sprech mir die welt, wie sie mir gefällt.

sprache ist nicht nur die kommunikation von wirklichkeit. sie macht wirklichkeit. denn wenn wir uns von unserer sprache reglementieren lassen, kann es uns höchsten gelingen das bisher vorgelebte und ausgesprochene zu reproduzieren. wollen wir jedoch neues schaffen, umshiften und anders zusammensetzen, müssen wir unsere sprache schon vorher ebenso nutzen und einsetzen. wir können die sprache einer norm unterwerfen, die sich auf grammatische nutzung bezieht, aber inhaltlich würde das einer normierung unserer selbst nahe kommen.

normativität umfasst zwei miteinander verwobene aspekte: auf der einen seite benötigen wir normen, um sozial zu existieren, zu sprechen und zu handeln. auf der anderen seite begrenzen sie unsere handlungsmöglichkeiten und regeln verhaltensweisen, geschlechtsidentitäten, was lebbar ist und was nicht. es geht folglich nicht darum (geschlechter-/sprach-)normen aufzulösen, sondern zu fragen welche normen handlungsmöglichkeiten eröffnen oder beschneiden, um sie so zu transformieren, dass sie für eine vielfalt von (geschlechts-)identitäten offen bleiben.

und das alles hat auch mit dem gender-ding zu tun?

klar. der gender shift bezieht sich nicht ausschliesslich auf geschlechterfragen. er ist einer der ausgangspunkte, ein epizentrum, von dem ausgehend umfangreiche umschichtungen in unserer gesellschaft folgen. und die werden dann auch all die menschen betreffen, die sich erst mal von thema des epizentrums nicht direkt betroffen sehen. die frage ist also, welches die absehbaren folgen sind. wie wir sie mitbegleiten und mitgestalten können.

soweit. so gut.

aufgrund der um uns herumwuselnden kinder war ein tiefgreifendes gespräch nicht möglich. ich bin mir sicher, meine freundin würde auch an dieser stelle nachhaken und fragen, was denn zum beispiel eine folge wäre, die sie betreffen könnte. und wie immer in so einem fall, würde ich als erstes dieses beispiel heranziehen: dass ihr sohn ja eines tages anfangen könnte mit vorliebe kleidchen anzuziehen. dann den wunsch äußert, mit einem anderen namen angesprochen zu werden. sich die haare mit spängelchen verschönert und total unglücklich darüber wäre, wenn man ihn in all diesen von ihm selbst erspürten bedürfnissen beschneiden würde. sie ihn hoffentlich nicht dafür verurteilen würde, sondern in der lage sein müsste, ihm die freiheit zu lassen sich zu entfalten. in dem wunsch ihn glücklich aufwachsen und leben zu sehen, ihn zu lieben und zu respektieren – genau wie er ist.

natürlich bleibt es meiner freundin überlassen, diesen fall absolut nicht in betracht zu ziehen und für absurd zu halten. aber meist verstehen grade eltern dieses beispiel sehr gut. es wird ein bisschen sprübarer, wie schnell man sich doch mitten im epizentrum wiederfinden kann, wenn man geschichten hört oder erlebt, die sich im unmittelbaren umfeld abspielen.

warum braucht uns der gender shift?

je mehr vorbilder wir erkennen, vorleben und miterleben, umso nahbarer wird der gender shift für alle. umso besser können wir als gesellschaft das potenzial dieses shifts, dieser umschichtung, nutzen. vorbilder sind nicht die praxis all der theorien die irgendwer niederschreibt. sie sind der plott von dem sich die theorien erst abgeleitet haben. wichtig ist jetzt nicht reine theorien zu erzählen, sondern vorbild zu sein und vorzuleben. vorbilder zu finden und diese zu bestärken. weil der gender shift keine worthülse ist, sonder ein prozesshafter zustand inmitten dessen wir uns befinden.

und weil es besser ist, sich nicht einfach irgendwie von einer strömung mitreissen zu lassen, sondern geschickt den schwung mitzunehmen und trotzdem selbst zu entscheiden, wo man hin will.

 

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