die ordnung der dinge // teil 5

ordnung und sprache

sprache hat sozialen und gemeinschaftsstiftenden charakter. sie steht nicht nur einfach für die wirklichkeit und das denken, sie ist beteiligt daran unsere wirklichkeit wahrnehmbar und erkennbar zu machen. sie kann demnach aber auch einschränken, wenn sie unseren vorstellungshorizont begrenzt. es ist wichtig „dem kind einen namen zu geben“. wir können so unsere wirklichkeit öffnen und erweitern. sprache ist definitiv ein mittel, um aus der dualität der geschlechter mann/frau, und den damit verbundenen zuschreibungen auszubrechen. worte zu finden die uns befreien. wittig behauptet sogar, dass der sturz der zwangsheterosexualität einen wahre humanismus der person, die von den fesseln des geschlechts befreit ist, eröffnen wird. ich denke davon würden nicht nur vordergründig frauen profitieren, die sich ohne die zwangsjacke „mutterrolle“ mit ausgebreiteten armen ins leben stürzen könnten. die freiheit zur entscheidung, die gelegenheit wirklich unbeeinflusst auf sein inneres ich hören zu dürfen, führt uns zu der chance menschen, identitäten und potenziale zu erkennen, die wirklich frei sind.

worte sind waffen.

die frage ist, wie man sie einsetzt. es ist nicht egal wie man etwas formuliert, wann man etwas sagt und zu wem. sprache lebt von nuancen, von vielfalt. eine sprache, die sich nicht entwickelt, ist die sprache einer gesellschaft, die sich weigert sich weiterzuentwickeln. die stecken bleibt oder sich sogar rückschrittig bewegt. mit den worten die wir aussprechen, die wir auch neu erschaffen, gestalten wir unsere zukunft. mit diesen worten sprechen wir aus, wie wir sehen und gesehen werden wollen. wie wir leben wollen. sie sind ausdruck dessen, was in uns vorgeht und was uns gedanken macht. worte sind keine vorgefertigten hülsen, die wir nur be-nutzen. und nicht selten, fehlen uns sogar worte um das auszudrücken, was in und um uns passiert.

people who can construct finey-grained emotional experiences go to the doctor less frequently, use medication less frequently, and spend fewer days hospitalized for illness. (lisa feldman barrett, siehe link unten, TED)

die fähigkeit sich differenziert auszudrücken, tut nicht nur uns als gesellschaft gut. sie ist nachweislich gut für unsere emotionale und körperliche gesundheit. gemeint ist das vermögen, sehr spezifisch zu kommunizieren oder, wie die englische sprache es treffend bezeichnet, in seiner ausdrucksweise eine „higher granularity“ zu erreichen. also die begrifflichkeiten die man benutzt um sich auszudrücken, noch feiner zu untergliedern, um möglichst treffend dem gerecht zu werden, was man rüberbringen will.

lernt neue wörter.

wie das geht? naja, im grunde genau so, wie man es als kleines kind schon gemacht hat. wortschatzerweiterung passiert von selbst, wenn man denn nicht immer nur im eigenen sumpf rumschwimmt. raus aus der komfortzone und rein ins vergnügen des unbekannten. sachen lesen, die nicht unbedingt dem sonstigen interessensfeld entsprechen. fremde sprachen und ihre worte sezieren und rausfinden, was sich damit alles machen lässt. wortneuschöpfungen offen entgegentreten, sich darauf einlassen, drüber nachdenken, was sie erreichen könnten.

*? ja genau. das gehört übrigens genauso dazu. ich weiß. sperrig. nervig. neu. unbequem. passt irgendwie nicht, weil sieht blöd aus und war doch bisher auch nicht nötig. yep. alles irgendwo richtig, aber hey, die zeiten ändern sich. zum glück. und deshalb kann sich auch einiges in der sprache ändern, und hier gilt dieselbe regel, wie auch da draußen: offen bleiben für andere und anderes, sich locker machen und einfach mal kommen lassen.

gendern in der sprache ist tatsächlich umständlich, selten schön anzusehen und es bremst den lesefluss, zumindest bis sich die leserinnen und leser daran gewöhnt haben. es trägt allerdings auch sich wandelnden lebenswelten und mannigfaltigen wissenschaftlichen studien rechnung, die belegen, dass das generische maskulinum der gleichberechtigen wahrnehmung von mann und frau abträglich ist. (matthias kohlmaier, 22. November 2015, sz online)

sprache gendern will gendergerechte sprache.

kohlmaiers kommentar, sicherlich fast drei jahre alt und überholt, wäre zu ergänzen, dass es um die gleichberechtigte wahrnehmung aller geschlechter geht. und um die wahrnehmung zu justieren, muss sprache angepasst und verfeinert werden. und wenn denn die wahrnehmung korrigiert wurde, klappt das darauf folgende sicherlich auch besser, denn die weichen für ein „wir sind alle gleich“, müssen an zahlreichen stellen gestellt werden.

die linguistinnen gabriele diewald und anja steinhauer erörtern in ihrem ratgeber „richtig gendern“ sehr treffend, dass es bezüglich des gendergerechten sprachausdrucks keine normen gibt und geben kann. es handelt sich nämlich hier nicht um rechtschreibregeln, die man einfach nur anwenden muss. sondern darum auszudrücken, in der art und weise wie wir kommunizieren, dass wir alle gleich sind. gleich gesehen werden wollen. gleich behandelt werden wollen. gleiche rechte haben wollen und gleich viel wert sind – demnach gleich viel sichtbarkeit haben wollen.

sprache ist nur ein teil von kommunikation.

wenn peter eisenberg schimpft, es handle sich hierbei um „manipulation der sprachnorm“, kann ich ehrlich gesagt nur wiedersprechen. wie gesagt, normen meinen im fall von sprache, muster, die den sprachgebrauch verbindlich ordnen. die weiterentwicklung und öffnung unserer sprache zu unterbinden oder sich dafür auszusprechen, man würde ihr nur gerecht werden, wenn man sie vor verformung schütze, kommt einem anti-evolutionärem verhalten gleich. wenn altes neu gedacht wird, sollte nicht von manipulation die rede sein, denn hier wird nicht verdeckt einfluss genommen. im gegenteil. laut und offen wird kommuniziert, gefordert, was die sprache leisten soll: uns gerecht werden, uns ermöglichen uns zu verständigen, aber auc in ihr zu leben und in ihr zu arbeiten (siehe wilhelm von humboldt). mit sprache können wir sinnzusammenhänge erstellen und erkennbar machen, also gradezu unsere wahrnehmung formen. ich finde, wenn man sich dies bewußt macht, wird sehr klar, wie wichtig es ist sich über all die scheinbaren „kleinigkeiten“ zu unterhalten und warum es in bezug auf gendergerechtigkeit so unerlässlich ist, neue sprachliche wege zu gehen.

sprache ist machtvoll.

so sehr sprache in der lage ist, unsere visionen zu skizzieren, kann sie denunzieren, einschüchtern und zur erhaltung von macht beitragen. und weil das generische maskulinum seit langem üblicher sprachgebrauch ist, bekommt die sparkassen-kundin nicht recht und wird weiterhin als kunde angeschrieben. na glückwunsch.

unsere sprache bildet ganz klar machtverhältnisse ab. auch jetzt. und grade durch aktuelle entscheidungen, vorallem auch in der politik. was ein zeichen wäre? wenn sich mal jemand das grundgesetz vornehmen würde, um es zu gendern. warum? weil dies dem wandel und der vielfalt unserer gesellschaft entsprechen würde und weil dieses grundgesetz ja für genau diese gesellschaft gelten will.

sprache ist mehrdeutig und wird es auch immer bleiben. je kreativer sie ist, desto eher wird sie unserer vielfältigen gesellschaft gerecht. müssen sich nur noch die geistig bewegen, die so sehr mit sprache umgehen und doch leider oft so konservativ sind: schriftsteller und journalisten. ich hoffe, hier tut sich in der nächsten zeit was. und ich hoffe, die zeitungen trauen sich was, und geben den mutigen und offenen menschen eine stimme, die gehört und gelesen werden, meinungsbildend und -fordernd.

 

TED Artikel „label more precisely“

die Zeit / artikel „eins mit sternchen“

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