flickwerk familie

jede familie ist patchwork. weil jeder patchwork ist. und keiner von uns ist wirklich nur er selbst. jeder trägt teile anderer in sich. und ich meine damit garnicht im speziellen die gene. ich spreche von schichten voller lachen und tränen. stapel von ängsten und hoffnungen. lage über lage erfahrungen und erkenntnisse. alles ge-schichten etlicher generationen. und nicht selten werden große teile davon von generation zu generation weitergereicht. hinterrücks. mir nichts, dir nichts.

patchwork ist es nicht erst, wenn die blutsverwandschaft durchbrochen wird. das ist ein irrtum. einflüsse fließen überall hin, egal ob verwandt, verschwägert oder sonst was. wir sind das ergebnis versickerter und zukünftiger fließgewässer. unzählige, nicht sichtbare flussbetten durchziehen uns. der ein oder andere rinnsal hinterlässt sanft oder unsanft seine spuren und verschwindet wieder.

manipulations-milch

sie prägen uns, ohne dass wir uns dessen so bewußt sind. sie schmieden uns, noch bevor wir beginnen können uns selbst kennenzulernen. sie stecken tief in uns, nicht so wie die gene, die verschiedenste merkmale unseres ichs ausmachen. anders. es ist nicht in den knochen oder der haut, nicht im gehirn, nichts körperliches. vielleicht eher etwas energetisches, unsichtbar aber spürbar, unkenntlich aber stark genug um uns von dingen abzuhalten, die wir eigentlich wollen.

manche sagen sowas wie „das hast du mit der muttermilch aufgesogen“. und meinen charaktereigenschaften die von unseren eltern vorbestimmt scheinen. so stelle ich mir das nicht grade vor, aber es hat natürlich etwas mit unseren eltern zu tun. oder mit den menschen, die uns von geburt an am nächsten sind. diejenigen die wir lieben, denen wir vertrauen und denen wir mit der größtmöglichen offenheit begegnen. was uns verwundbar macht. und manipulierbar. deshalb würde ich nicht von einem aktiven aufsaugen sprechen – eher von einem passiven eingeflöst bekommen.

alles in allem

mary page marlow, ein stück das gerade im kölner schauspielhaus aufgeführt wird, zeigt dies in eindrucksvoller weise: eine frau auf der suche nach ihrem wahren ich und ihre erkenntnis, dass sie nie sie selbst sein kann, weil sie immer nur das ergebniss all der geschichten werden kann, die auf sie einwirken. inklusive derer, die sie von den generationen zuvor weitergereicht bekommen hat. ungefragt. ungewollt.

das mag zunächst etwas pessimistisch klingen. aber ich denke, eine einsicht kann nur pessimistisch sein, wenn man nichts oder nur etwas pessimistisches aus ihr macht. bis zu dem zeitpunkt ist die vielschichtige reise durch mary pages leben ein vor- und zurückspulen der videokassette des seins. von ganz oben, nach ganz unten – und wieder zurück. kleine und große momente, die gleichermaßen den boden unter den füßen wegzuziehen vermögen. zusammenhänge die vielleicht erst durch die zeitsprünge und sequenzen deutlich werden. blickwinkel, oft aus der sicht filmender dritter, die die perspektive vom zuschauer auf die bühne zusätzlich erweitern: der eine blick wird unmöglich gemacht. weil es nicht den einen blick gibt. und nicht die eine persönlichkeit.

weil nichts allein für sich steht. alles miteinander zusammenhängt. irgendwie. unkonkret und manchmal verborgen, vergraben, versteckt.

willenlose materie

für manche mag das eine art schlechte nachricht sein, die sie negieren werden. weil sie es ablehnen zu denken, sie könnten nicht sie selbst sein. aber all die kann ich beruhigen. selbstverständlich kannst du, du selbst sein. aber eben nicht from the scratch. außer du bist grade zufällig der erste mensch auf erden und unser aller ursprung. aber dann ist hier deine ganz persönliche, schlechte nachricht: du bist verantwortlich für den jetzigen zustand der menschheit!

jetzt mal im ernst. egal ob wir an die erschaffung des menschen aus lehm, aus einer rippe oder aus universellem urknall-material glauben: in jeder dieser varianten kommt materie vor. wir sind also materie und somit formbar. und nichts anderes meine ich: du bist du, und zu deinem du gehören andere dus.

schizophrener quilt

im stück auf der bühne erscheinen diese dus als personen, die kaum unterschiedlicher sein können, und dennoch verkörpern sie alle das spektrum der mary page marlow: klein, groß, jung, alt, mann, frau, dick, dünn… alle im selben kleid auf der bühne ihres lebens. fast schizophren scheinen die gespräche zwischen ihnen und mary in diesem moment. und gleichzeitig wird auf wunderbar plakative weise gezeigt, was sich am ende des stücks in einem gespräch zwischen greisin und schneider manifestiert: wir alle sind wie ein alter, immer dünner werdender, von generation zu generation weitergereichter quilt. die summe vieler einzelner unikate. erweiterbar, umgestaltbar, mit flecken die sich entfernen lassen, aber auch mit einigen, die für immer ihre spuren hinterlassen. und wenn das einem nicht gefällt: flicken drauf, nach eigenem gusto. dann wird er ein stück weit zu „deinem“ quilt, aber eben nur zum teil…

 

schauspielhaus köln

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