die ordnung der dinge // teil 4

ordnung und sexualität

anne hat mir diesen link zu arte-tv geschickt. und ich habe mir die doku sofort komplett angesehen, denn die ersten sekunden – bäume im nebel – verhießen eine sehr gute qualität und andersartigkeit von dokumentation, wie ich sie schätze. außerdem war ich gespannt darauf, was diese erste aufnahme, mit der aussage des gesamten berichts, gemein haben wird. dieser verschleierte blick. dieses dumpfe versunken sein innerhalb eines einerleis, in dem nichts hervorsticht, eine einheitsmasse wird und sich so scheinbar zusammenhält. im unklaren verschwindet das scharf umrissene. oder es wird abgeschwächt, um nicht zu überreizen, um sich nicht hervorzutun, wo es sich doch in das allgemeine lieber einfügen möge. aber der titel, der ja immer auch ins deutsche übersetzt wird, gab schon einiges preis. „wo sexarbeiterinnen keine rechte haben“ lautet die deutsche fassung von „la ou les putains n´existent pas“. ein grosser unterschied: die hure wird im deutschen zur sexarbeiterin. und eine gleichsetzung die stimmt: wer keine rechte hat, existiert nicht!

berechtigung zur existenz

die berechtigung zur existenz ist, laut judith butler, eng mit der frage des menschlichen verknüpft. denn „die normen der anerkennung dienen der produktion und reproduktion der vorstellung des menschlichen“. und weiter heisst es „normen, die eine idealisierte menschliche (anatomie) regieren, produzieren einen selektiven sinn dafür, wer menschlich ist und wer nicht, welches leben lebenswert ist und welches nicht“ (aus: die macht der geschlechternormen und die grenzen des menschlichen, judith butler).

was ist denn menschlich?

und wer darf die beantwortung dieser frage festsetzen? kann man „das menschliche“ überhaupt festsetzen, wie etwas fest konstruiertes, unbewegliches, wenn es das beschreibt was wir sind? wir, die wir sicherlich keine unveränderbare masse darstellen. dann dürfte sich die menschheit also nicht weiterentwickeln und müsste jeden durch das menschlichkeits-raster fallenlassen, der nicht reinpasst. eine absurde vorstellung. vielmehr wird doch die idee des menschlichen innerhalb eines prozesses geschaffen, in dem wir uns alle befinden. wir übersetzen also die worte – wie „das menschliche“ – und zwingen unsere sprache sich zu ändern, damit wir die jeweils andere begreifen können. eine art kulturelle übersetzung der eigenen sprache ist notwendig. das klingt kompliziert, ist es aber nicht. es ist sinnvoll. notwendig. um aufzuhören, in unserem sozialen leben ständig normen zu reproduzieren, sie fortbestehen zu lassen, ohne zu merken, dass wir uns von denselben zurechtweisen lassen. anstatt kontinuierlich zu hinterfragen was wir selbst anerkennen.

schwarze schafe

sexarbeit gilt als das älteste gewerbe der welt. wie konnte es dazu kommen, dass wir auf alle, die es betreiben (zu großen teilen frauen) so herabsehen? sie als verzweifelt und dazu gezwungen abstempeln? sie gesammelt zu unmündigen opfern machen, die nicht für sich selbst sprechen können, da sie offenkundig traumatisiert und unfähig sein müssen? wie kann dieses stigma, welches die sexarbeiter als schwarze schafe der gesellschaft brandmarkt, abgelöst werden?

hier kommt der unterschied in der titel-übersetzung, den ich anfangs erwähnte, zum tragen. aus huren werden sexarbeiter. die von judith butler geforderte übersetzung, die nicht sprachen-übergreifend, sondern vielmehr inhaltlich gemeint ist, hat hier stattgefunden. die erkenntnis, dass der stigmatisierende begriff der hure dem, was die dienstleistung im bereich der sexualität meint, nicht gerecht wird. wir übersetzen den begriff hure in sexarbeiter, um zu verstehen. zu verstehen was genau sexarbeiter tun. wer sie sind. um ihnen auf menschlicher augenhöhe zu begegnen, ohne ihnen automatisch ein merkmal, welches sich auf unserer netzhaut als negativ bewertet eingebrannt hat, zuzuschreiben.

erstaunlich ist, und das wird in der dokumentation auf brutale art und weise klar, dass sich schweden bewusst gegen die übersetzung in den begriff sexarbeiter entschieden hat. und das trotz der offiziellen einführung dieser bezeichnung durch die who und die un. welche folgen die dadurch resultierende rechtlosigkeit und un-gerechtigkeit mit sich bringt, wird in der im film dokumentierten geschichte aus unterschiedlichen perspektiven geschildert.

der menschliche makel

bei einem stigma handelt es sich um einen makel, einen schandfleck, der eine von der norm abweichende eigenschaft darstellt. eine unreinheit, welche den weg zu unserem moralischen ideal, eben der reinheit, verschmutzt. ein selbstverständlich nie zu erreichendes moralisches ideal. eine idee von einer idealen norm, der man sich nur annähern kann. aber gleichzeitig stärkt es den zusammenhalt einer gruppe nach innen, ein sogenanntes schwarzes schaf zu identifizieren. somit nimmt es eine immens grosse rolle innerhalb der gesellschaft ein, leider jedoch, zu seinen ungunsten. und im sinne der menschlichkeit, kann solch ein stigmatisieren keinesfalls geduldet werden.

offensichtlich ist hier aufklärungsarbeit von nöten. und ich kann sagen, dass das thema sexarbeit für mich persönlich auch ein schwieriges thema ist, weil mein bild davon absolut negativ vorbelastet war. aus dem einfachen grund, weil ich mich nicht genügend darüber informiert habe, und meine meinung über sexarbeit ausschliesslich von den medien die mich umgeben geprägt wurde. sexarbeit als arbeit wie jede andere zu betrachten und anzuerkennen ist ein wichtiger moment. es bedeutet nämlich, dass all jene die sexarbeiter sind, die selben rechte und möglichkeiten haben, wie andere arbeiter auch. und, dass sie nicht etwa gerettet werden müssen. natürlich nur wenn sie nicht zu der gruppe gehören, die zur sexarbeit gezwungen werden und opfer von menschenhandel sind. hier muss ganz klar unterschieden werden! wie es dem arbeiter während der sexarbeit geht hat nämlich nichts mit der arbeit ansich zu tun, sondern ist abhängig von den rahmenbedingungen des jobs. und diese bedingungen so zu schaffen, dass sexarbeit ohne stigmatisierung und missbrauch möglich ist, scheint nicht nur aufgabe des staates zu sein (der nur allzu gern als übergeordnete instanz betrachtet wird, gerade dann wenn es um verantwortlichkeiten geht). es ist auch die veranwortung der gesellschaft. also von uns.

organisationen wie hydra-berlin.de oder rose-alliance.se , haben sich schon vor langer zeit verpflichtet, für die rechte der sexarbeiter einzustehen und gesellschaftliche aufklärungsarbeit zu leisten, um den blick auf das älteste gewerbe der welt zu öffnen. es aus der stigmatisierung herauszuholen, und so mithilfe richtiger und wichtiger gesetze, den schutz der beschäftigten zu erwirken.

die stigmatisierung der sexarbeit, durch staat und gesellschaft, bringt die mehrheitlich weiblichen arbeiter ansonsten unweigerlich in die sackgasse der schuld. sie macht sie automatisch zu menschen, die im zugzwang zu sein scheinen, ihre unschuld beweisen zu müssen. denen rechte abgesprochen werden, die dem braven bürger zustehen, wenn er sich ordentlich verhält. damit dies nicht passiert, muss eine akzeptanz entwickelt werden, die es ermöglicht, sexarbeiter als gleichwertige, brave bürger, anzuerkennen. sie in die sozialen normen einzuschliessen, die von den meisten sozialen akteuren, von uns, akzeptiert sind. also auch hier die bedeutung unserer eigenen norm-alisierung nach zu justieren und an das anzupassen, was gesellschaft heute bedeutet.

entkriminalisierung vs abolitionsprinzip

patriarchale strukturen, unterordnung von weiblicher sexualität, freiheit oder reglementierung von sexualität im allgemeinen, spielen im kontext der wahrnehmung von sexarbeit eine außerordentliche rolle. gerade deshalb ist das thema der legalisierung und anerkennung von sexarbeit so umstritten. etliche stimmen sprechen sich für das sogenannte „nordische modell“, wie es auch in der dokumentation benannt wird, aus. (das abolitionsprinzip hat als langfristiges ziel die abschaffung der prostitution. die prostituierten selbst werden bei diesem prinzip als opfer angesehen und nicht rechtlich belangt. sehr wohl aber werden in zusammenhang mit prostitution stehende handlungen wie zuhälterei, unterhaltung von bordellen und frauenhandel bestraft, mancherorts auch die kunden.)

deutschland folgt dem sogenannten entkriminalisierungsprinzip. noch. (das entkriminalisierungsprinzip sieht sexarbeit als form der erwerbsarbeit an und regelt sie entsprechend, das heisst, prostitution wird entkriminalisiert und der ausbeutung von prostituierten rechtlich entgegengewirkt.) das für und wieder wird aktuell kontrovers diskutiert.

kontrovers ist die diskussion deshalb, weil innerhalb des feldes der sexarbeit ein spektrum an menschen zusammenkommt, die von freiwilligen bis hin zu gewaltsam erzwungenen, auch minderjährigen sexarbeitern reicht. menschenhandel, sexueller missbrauch, menschenverachtung und weitere umliegende, schwerwiegende themen, sind bestandteil dieser diskussion. durch die komplexität der betrachtungsweisen, lässt sich sicherlich schwer der richtige und einzige weg finden, der auf einen schlag allen gerecht wird und alle probleme aus der welt schafft. wie immer geht es um einen sinnvollen diskurs, der die betrachtung des themas aus unterschiedlichen und für viele absolut neuen perspektiven bedingt, und so in der lage ist problematische ansätze zu erkennen und andere möglichkeiten zu finden, um etwas zu verändern, was längst einer ordentlichen überholung bedarf.

das thema ist so komplex, so vielschichtig, wie die menschen selbst. was aber sicherlich eine annäherung und verständnis bringt, ist eine gewisse offenheit und aufgeklärtheit. und die ist nur möglich, wenn man sich den dingen aus unterschiedlichen richtungen nährt. literatur und dokumentation gibt es zu genüge. auch blog-beiträge von sexarbeitern. und ich denke, das sind die menschen, die dem thema am nächsten sind, und die zu aller erst gehört werden sollten!

unnötig zu erwähnen, wie sehr ich empfehle, diese dokumentation anzusehen:

arte doku sexarbeit

 

 

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