aaaaaaaaaah laaf

wie ist das jetzt mit dem karneval? was soll das ganze theater eigentlich? oder will jemand behaupten es sei etwas anderes als theater? die kostümierungen und das einnehmen einer rolle, festgesetzt auf einen bestimmten zeitraum und begrenzt auf eine bühne. natürlich handelt es sich in wirklichkeit um einen brauch. zumindest beschreibt dies am treffendsten die berechtigung des ganzen theaters. bräuche dienen der sinn- und identitätsstiftung, was für einen menschen wie mich natürlich zu verwirrung führt. bei genauerer betrachtung kann ich diese aussage aber voll und ganz bestätigen: ich sehe in dieser veranstaltung für mich keinen sinn, dadurch jedoch ist sie für mich identitätsstiftend, weil ich mich überzeugt von ihr abwende. selbstverständlich nicht ohne für die meisten anderen eine rechtfertigung parat zu haben, denn wenn sich die größere gemeinschaft für diesen brauch ausspricht, scheint das stillschweigende nicht-teilnehmen wie ein laut herausgebrüllter affront.

ich kann dazu nur sagen, dass die idee karneval sicherlich nicht verkehrt ist. ihre weit verbreitete zweckentfremdung, oder vielleicht auch ihre gedanken- und respektlose ausübung jedoch, zuweilen ihre berechtigung in meinen augen in frage zu stellen wagt.

interessanter weise wurden die vorläufer des karnevals schon vor 5000 jahren, im damaligen mesopotamien, gefeiert. und angeblich hat sich damals eins der charakteristischen merkmale des karnevals ausgeprägt: das gleichheitsprinzip.

kein getreide wird an diesen tagen gemahlen. die sklavin ist der herrin gleichgestellt und der sklave an seines herrn seite. die mächtige und der niedere sind gleichgeachtet. (altbabylonische inschrift)

ein guter grundgedanke. man kennt das auch, ob jung ob alt, ob arm ob reich, im karneval sind alle gleich. dazu hätte ich zwei fragen: wer genau sind diese „alle“. und  können wir zu den anderen vier jahreszeiten etwa nicht ganz so gleich wie an karneval sein?

ich versuche die fragen selbst zu beantworten, denn es ist samstag, wir befinden uns mitten innerhalb besagten zeitraums, in dem alle gleich (besoffen) sind, von daher werde ich keine vernünftige recherche hierzu betreiben können (in form eines intellektuell getriebenen gesprächs).

alle bezieht sich auf die personen, die offensichtlich gewillt sind mitzufeiern. die anderen gehören nicht dazu. ungeachtet dessen ob sie aus persönlichen gründen aufs feiern verzichten oder aus religiösen, kulturellen oder sonstigen. alle bezieht sich auf die, die dazugehören, sich nicht bewußt abwenden und einfach nur spaßbremsen sind. denn dies scheint grundvoraussetzung des karneval: gute laune, lustig sein, spaß haben. nicht nörgeln. nicht meckern. nicht nein sagen. mittrinken. alles super finden. alles mitmachen. kritik ist beim karneval nicht angebracht, mal abgesehen von den versuchen am rosenmontagszug.

selbstverständlich habe ich verstanden, wie dieses gleich gemeint ist. nämlich nicht allumfassend. auch nicht inklusiv. sondern absolut exklusiv. wir sind alle gleich, aber nur an karneval, und nur die die mitmachen: es ist so schön, denn es ist egal ob du bänker, taxifahrer oder bundespräsident bist, an karneval wird kein unterschied gemacht. ich gehe stark davon aus, dass donald trump gute karten hätte an karneval mitschunkeln zu können, ohne diskrimiert zu werden…

aber. ich schreibe nicht, weil ich einen text fürs poesiealbum verfassen will. pain in the ass, wie ich bin, will ich ein bisschen drauf rumreiten. auf diesem karneval. auf diesem noch schnell die sau-rauslassen bevor fastenzeit ist. fastenzeit? ach nee. ich bin ja garnicht gläubig. deshalb lassen wir das mal weg. ich mach nur karneval. aber ja, selbstverständlich ist das ein brauch und somit kulturell wertvoll und vertretbar. und das mit dem alle-sind-gleich bekomm ich wahrscheinlich auch nur an den paar tagen hin, aber dafür so richtig, versprochen. und jetzt hör auf zu nerven, es muss doch nicht alles immer super korrekt sein, das machen wir deutschen ja schon den rest des jahres.

ganz ehrlich: macht doch was ihr wollt.

wem das mit dem karneval spaß macht, go for it. ich schau mir das mit einem abschätzigen blick an, verdrück das ein oder andre grinsen, wenn zwei erdbeeren an mir vorbeilaufen, und versteck mich zuhause, bis alles vorbei ist. aber es gibt auch diese anderen seiten, die ich nicht so lustig finde, in denen unendlich viel diskriminierungs-potenzial steckt und worüber jeder karnevalist – brauch hin oder her – heutzutage nachdenken muss. die zeiten ändern sich. und karneval muss es auch.

wir wissen heute um  themen wie kulturelle aneignung*, alltagsrassismus und kolonialismus.

*die schicklichkeit kultureller aneignung ist gegenstand reger debatten. gegner sehen in der kulturellen aneignung einen diebstahl. sie sei vor allem dann kritisch, wenn die kultur einer minderheit gehört, welche sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligt ist, etwa wegen ethnischer konflikte. die unterdrückte kultur wird dann nämlich durch ihre historischen unterdrücker aus ihrem kontext gerissen.

 

es geht nicht um vorwurf. um schuld. es geht um verantwortung.

um das bewusstsein dass wir die kultur in der wir leben erschaffen und deshalb auch die verantwortung dafür tragen. wir sollten wissend sein, und aus diesem wissen heraus die welt erschaffen, in der wir leben möchten. wir haben in unserer schulzeit so viel gelernt von der geschichte. aber viele von uns scheinen den transfer nicht zu schaffen: geschichte ist nichts was vorbei ist, geschichte passiert, geschichte ist damals – heute – morgen. alles ist im fluss und alles hängt zusammen, und genau deshalb kann man nicht das eine tun ohne das andere zu beeinflussen. nicht karneval feiern, ohne sich zu informieren. nachzudenken. umzudenken. weil man verstanden hat, was es bedeutet sich als indianer (native american), hula girl oder ähnliches zu verkleiden. vorallem das man versteht, dass das nicht okay ist. man kann es weiterhin machen, so wie man alles mögliche ohne rücksicht auf verluste machen kann. gegen ignoranz ist kein kraut gewachsen.

aber vielleicht kann man sich schlau machen, toleranz üben und nächstes mal als ananas gehen – die wehrt sich nicht, versprochen.

 

not a costume

kulturelle aneignung?

interview

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