die ordnung der dinge // teil 2

 

ordnung und identität

foucault ging davon aus, dass sexualität nicht ein biologisches phänomen sondern ein kulturell konstruiertes ist. er lieferte damit das theoretische konzept für die queertheory.

lacans ansicht war, dass männlich und weiblich nicht biologische kategorien, sondern symbolische positionen seien. und somit entscheidende kategorien für die herausbildung der geschlechtsidentität.

judith butler, die sich mit ihren vorreitern intensiv auseinandersetzte und die ein oder andere theorie weiterentwickelte, sieht identität als etwas performativ hervorgebrachtes. identität ist nicht eindeutig. nicht wahr. nicht richtig. nicht natürlich. butler spricht vom „shifting“, von identität als sich ständig verschiebendes, nicht substantiell seiendes und macht damit im grunde eines klar: identität ist absolut nicht geeignet für konstruierte ordnungssysteme die starre strukturen sein wollen! identitäten sind schnittpunkte innerhalb eines fluiden systems von relationen.

durch das was wir tun, werden wir in der gesellschaft sichtbar. erlangen eine bedeutung. dennoch sind wir auch vor diesem tun, was auch immer es sei, da. als person. es scheint aber so, als würden wie erst wahrgenommen werden, wenn man uns in das bestehende system einsortieren kann. vorher ist das nicht möglich. wir fallen aus dem raster oder sind unsichtbar. der blinde fleck der gesellschaft oder im schlimmsten fall im toten winkel.

wer bin ich? oder wer darf ich sein?

würde man sich für einen moment von vorgegebenen bedeutungen und zuschreibungen lösen, könnten die begriffe mann/frau sowohl weibliche als auch männliche körper bezeichnen. wie wurde denn diese gelernte dualität konstruiert? können wir sie verändern, diese binäre konstruktion innerhalb derer wir feststecken? diese beiden bezeichnungen, die messlatten sein wollen aber nicht mehr als grenzbereiche darstellen. bereiche mit vagen rändern. verschwimmende markierungen, die ihre scheinbare konkretheit an eine gesellschaft verlieren, die sich kraft ihrer diversität ihr eigenes spektrum sucht. zwei festgeschrieben gedachte identitäten, die mit all den anderen verschmelzen, anstatt starr und unbeweglich zu sein.

wir sollten weg von der zwei-dimensionalen dichotomie, hin zum dreidimensionalen, räumlichen kontinuum der variationen, die jeglicher kategorisierung trotzen!

wie können wir glauben wir würden in ein zwei-kategorien-system passen, wenn die natur 7.000.000.000 individuelle puzzel (identitäten), gemacht aus milliarden von einzelnen teilen, aufzeigt? kein gehirn, dessen komplexe struktur aus hormonen, molekülen, neuronen besteht, die genetischen beeinflussungen ausgesetzt sind – und gene variieren, womit klar ist dass auch das was sie beeinflussen variiert – wie kann solch ein gehirn auf ein entweder–oder reduziert werden? dahinter steckt viel mehr als die gleichungen testosteron = männlich und oestrogen = weiblich. unser gehirn steuert unser biologisches verhalten. gleichzeitig ist es aber auch das, was uns am meisten von anderen unterscheidet, differenziert. unser gehirn verwischt die grenzen zwischen dem biologischen und dem sozialen, genau wie dies jeder einzelne von uns er-lebt.

…our brains are mixed and unique mosaics of regions with variable „maleness“ or „femaleness“ in each. (daphna joel, neurowissenschaftlerin)

das war schon immer so!

seit sich jemand die sortierung in frau und mann überlegt hat, ist dies die vorstellung einer ordentlichen gesellschaft. alles andere wäre sinngemäß un-ordnung. weshalb gerne dazu übergegangen wird, alles andere trotzdem irgendwie in die bekannte ordnung einzuzwängen (zur not so schnell es geht umzuoperieren, damit es in die ordnung passt), denn ordnung ist das halbe leben. und weil das schon immer so war, mit dem frau und mann, nein, mann und frau, bleibt das auch so. wo kommen wir denn sonst hin? dann geht es ja sonst zu wie in sodom und gomorrha! unordnung. sittenlosigkeit und ausschweifung.

im grunde ist die frage nach der eigenen identität zunächst einmal die frage nach der eigenen abgrenzung gegenüber anderen subjekten. also ein grundsätzlicher versuch ordnung herzustellen. begreift man gender-identität aber nicht als abgegrenztes seiendes, sondern als gesamtgesellschaftliches phänomen, stellt sich die forderung nach einer weniger totalisierenden definition ein. denn das ich, meine identität, ist vielmehr die relationalität zu anderen, als eine reine abgrenzung. und sicherlich kommt einem dies bekannt vor, diese vorstellung dass man durchaus nicht immer „gleich“ ist. sich in unterschiedlichen situationen, in verschiedenen kontexten, mit jeweiligen konstellationen von mitmenschen, unterschiedlich verhält.

ein individuum verkörpert somit stets mehrere sich überschneidende identitäten: z. B. als frau, als asiatin, als intellektuelle…und die identitätssuche ist ein unabschliessbarer prozess alltäglicher identitätsarbeit. heiner keupp spricht von patchworkidentität. ein „unabschließbares wirken am patchwork“ von teilidentitäten. dabei geht es um ein „manchmal widersprüchliches, meist ambivalentes nebeneinander von unvereinbarem“.  mosaike, zusammengepatched aus teilen mit unterschiedlichen beiträgen „männlicher“ und „weiblicher“ ausdrucksweisen.

identität ist ein dynamisches ganzes, das stets veränderungen ausgesetzt ist. es lässt sich nicht ohne schwerwiegende folgen in ein starres, festes system eingrenzen.

die möglichkeit zur identitätsfindung setzt voraus, dass in der sozialen welt normen der anerkennung, die mein weiterleben unterstützen, vorhanden sind. mit normen sind hier konkret gesetze gemeint. konkret solche, die auch auf alle menschen unserer gesellschaft zutreffen, anstatt (als solche definierte oder identifizierte) minderheiten auszuschliessen. solange zum beispiel die ehe, die nur für bestimmte konstellationen von menschen anerkannt ist, die höhste anerkennung in bezug auf die anerkennung einer beziehung darstellt – und somit alle anderen formen degradiert – wird zuneigung und begehren von außen strukturiert, werden ureigenste empfindungen, die wir als mensch besitzen, normiert.

wenn ich in den ureigensten meiner empfindungen nicht wirklich frei sein kann, ihrer enteignet werde, fremden einfluss ausgesetzt bin, wie kann ich dann meine eigene identität überhaupt finden? was ist real, wenn die vorstellung von realität normiert ist? ich denke, wenn die vorstellung von realität, von ordnung, von struktur normiert ist, dann kann diese auch in frage gestellt werden. und neue formen dieser vorstellungen können entstehen. somit auch „neue“ gender.

realitäten, zu denen wir uns verurteilt glaubten, sind nicht in stein gemeißelt! (judith butler, die macht der geschlechternormen)

um wirklich frei sein zu können, müssen wir gemeinsam für toleranz kämpfen. für akzeptanz. für die freiheit. für die freiheit selbst sein zu können wie wir wollen und die freiheit anderer so sein zu können wie sie wollen. um uns und unser denken von normierungen zu befreien, die uns die möglichkeit nehmen, unsere eigene, innere ordnung zu finden. und die ordnung anderer zu tolerieren. diesem maß an abweichung vom standardwert. es gibt keine richtige oder falsche identität. es gibt keine richtigen oder falschen realitäten.

es gibt keinen richtigen oder falschen menschen.

 

 

what is performativity

non binary brain

identifying

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