zurück in die zukunft

ich habe mir einen kinofilm angesehen. the killing of a sacred deer. dieser film ist ein kunstwerk und eine kritik gleichermaßen. musikalisch einnehmend. die dialoge treffend prägnant und erschreckend direkt. das tempo nervenaufreibend zurückgenommen. allein diese drei komponenten in der art und weise wie sie im verhältnis zueinander stehen, versetzen einen in eine derart aufgeriebene stimmung, dass man das gefühl hat man wäre in die szenische atmosphäre des films eingetaucht. ich habe all die verwirrenden sequenzen und momente im nachgang versucht für mich zu deuten. für mich erahnt was sie aussagen wollen oder für mich bedeuten. und dann auch nachgelesen was der regisseur, mit griechischen wurzeln, im sinn hatte. überraschenderweise hat der film einen mythologischen ursprung, der ins heutige übersetzt wurde. vieles hatte ich auch so gelesen und verstanden. aber diese hintergrundinformation zu haben ist nicht relevant. es war vielmehr die eigene erkenntnis und die stimmung die mich nachhaltig festgehalten haben.

diese von gefühlskälte geprägte familiensituation, ja das fehlen von gefühlen jeglicher art. die klinische kälte und reinheit der menschen. jeder hat seinen platz. seinen zugewiesenen platz. seinen vorbestimmten weg. ein abweichen ist nicht vorgesehen. nicht gewünscht. alles läuft so ab wie es soll. und weil jeder seinen platz hat, ist auch immer klar wer gut oder böse ist. wer schlechtes tut oder wer nur tut was getan werden muss. in einem perfekten system gibt es keinen fehltritt. es gibt nur eine fehlfunktion. und weil das perfekte system nur zufriedene und glückliche menschen vorsieht, ist jeder der nicht so empfindet, oder überhaupt empfindet, fehlerhaft.

die fassade nach außen wird gewahrt, solange die noten gut sind, sich das klavierspiel fortschrittlich entwickelt und regelmässiger sex stattfindet. es ist alles in bester ordnung. geordnet und staffiert wie es sein soll, wie man es erwartet. die frage nach dem wohlbefinden eine reine hülse, wir kennen das. eine antwort die anders lautet als „gut“ ist eben nicht-gut. negativ. schlecht. fehlerhaft. es stellt sich nicht unbedingt die frage danach was dazu geführt hat, dass man die frage nicht positiver beantworten kann. zunächst einmal stellt man fest, dass derjenige der die frage nicht wie erwartet beantwortet, ein problem hat. einer fehlfunktion unterliegt. weshalb im nächsten schritt erwogen wird, diese fehlfunktion nun am besten zu beheben. am fehl-funktionierenden selbst versteht sich. denn das system ist, wie bereits erwähnt, perfekt. fehlerfrei.

im film lässt sich unverblümt erkennen, welche maschinen-menschen solch ein system hervorbringt. und es handelt sich dabei keineswegs um eine dystrophie. bestimmt kann die weniger gefühlsintensive einstellung zu manchen themen und bereichen im leben etwas entspannung bringen. es wäre ungemein aufreibend sich ständig mit haut und haar in jede diskussion zu stürzen oder sich emotional komplett auf alle zwischenmenschlichen situationen einzulassen denen man im alltag begegnet. auf der anderen seite wirkt sich eine übergewichtige resignation anderen gegenüber sehr einschränkend auf den geistigen bewegungsapparat aus. eine trägheit überkommt dich, eine scheinbare zufriedenheit die nur frieden möchte. seine ruhe haben und in ruhe gelassen werden. das geht am besten wenn man sich nicht zu sehr einmischt. wenn man nicht zu viel mischt, wirbelt man auch nicht zu viel zeug auf. komisches, trübe machendes zeug, das ansonsten schön am boden liegen bleibt. ist doch auch viel netter, dieses klare wasser. man kann durchschauen ohne dass was stört. und es wirkt so schön sauber. rein. einfach perfekt.

deshalb sollen wir auch immer schön lieb zueinander sein. am tisch mit dem essen warten bis alle da sind. die ellbogen bitte nicht aufstützen beim essen und ach ja, ein liebes kind isst auch alles fein auf. schmeckt nicht, gibts nicht. wäre ja auch unverschämt der oma zu sagen, dass das (wirklich exquisite) kaninchen mit den klösschen nicht schmeckt. und wäre es nicht nett zu heilig abend einen schön geflochtenen französischen zopf zu haben, ein hübsches kleid anzuziehen und wenigstens an diesem abend so zu tun als wäre alles perfekt? fragt sich halt nur, perfekt im sinne von wem oder was. nach welchem ideal strebt man denn und wer definiert dieses ideal? etwas perfektes ist vollkommen und fertig. eine weiterentwicklung ist nicht vorgesehen. es handelt sich um eine sehr starre vorstellung.

wenn menschen so nah beieinander leben erfordert es vorallem toleranz damit das ganze gut geht. respektieren von freiräumen und bewegungsradien. gedanklicher und räumlicher art. gegenseitig versteht sich. und wenn man dann bedenkt, dass weihnachten oft eine art zeitreise ist, während derer man sich in die vergangenheit innerhalb der gegenwart katapultiert, sind gewisse schwierigkeiten schon vorprogrammiert. wie soll man denn im umfeld seiner kindheit plötzlich als erwachsener mensch wahrgenommen und respektiert werden, die alten rollen erfüllen und gleichzeitig die eigenständigkeit beweisen die erwartet wird? oder muss die andere seite jedesmal anerkennen, dass man anders geworden ist als gewünscht, nicht so oder so, sondern genau nicht so! und wenn dieses eigene sein dann nicht nur hingenommen sondern gewertschätzt wird, dann hat man den jackpot gezogen. leider geht es vielen nicht so und trotzdem wünscht man sich grade innerhalb der familie angenommen zu werden. wieviel potenzial geht verloren, weil dies nicht möglich ist. wieviel selbstwertgefühl geht den bach runter, weil die familie dieses unbeschwerte, heimelige gefühl nicht aufrecht erhalten kann. ein milieu entstehen kann, in dem vieles unmöglich erscheint. einiges einfach nicht angesprochen und besprochen wird, gedanken und gefühle aber dennoch immer im raum spürbar sind.

vielleicht muss man die zeitreise als blick in die zukunft betrachten. weil man aus der vergangenheit lernen kann und das ist nichts was ich mir jetzt ausgedacht habe. das wissen wir bereits, zu genüge aus der schulzeit.

diese weihnachtliche reise in unsere vergangenheit also, die sich paradoxer weise in der gegenwart abspielt, zeigt uns wo die stellschrauben sind an denen wir drehen müssen, um unsere zukunft dahingehend zu verändern. nur müssen wir die vergangenheit mitnehmen. die anderen generationen davon überzeugen, dass wir in einem beweglichen system leben, weil wir selbst beweglich sind. dass nichts so bleiben muss wie es ist, nur weil das mal so vorgesehen war. dass alles anders werden darf und wieviel dann eben möglich ist. behutsam, denn eine kritik an ihrem system hört diese generation natürlich nicht gern. dann bist nämlich nicht mehr du der fehler im system, sondern sie sind es, wenn sie sich nicht flexibler zeigen…hört sich irgendwie ziemlich ähnlich an wie zu anfang, nur andersrum.

zukunft hat immer auch mit vergangenheit zu tun. mit dem was wir daraus machen.

 

the killing of a sacred deer

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